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Von Burggräben, Netzwerkern und dem Zauber roter Waldlaternen

Mann hält Pilz in der Hand und hat sich einen weiteren umgedreht auf den Kopf gelegt.
Jürgen Feder freut sich über den Fund von zwei leckeren Reizkern.

Wer Jürgen Feder jemals live erlebt hat, weiß: Sein Beiname „Extrembotaniker“ bezieht sich nicht nur auf sein Wissen. Exkursionen mit ihm sind keine beschaulichen Naturerkundungen mit paar mundgerechten Hintergrundinfos, sondern Bootcamps in Sachen Biodiversität. Sie dauern mindestens drei Stunden, Ende offen, und die Zahl der Arten, die Feder unterwegs bestimmt und ausführlich vorstellt, liegt etwa bei fünf bis zehn pro 50 Meter Wegstrecke. Und er bestimmt JEDE Art, die er unterwegs findet.

 

In Vierhöfen stellte er gleich zu Beginn klar, dass er sich nicht nur als Pflanzen- und Pilzexperte, sondern als Kämpfer wider die allgemeine Natur-Ignoranz versteht. Dass er von den Teilnehmenden seiner Exkursionen ernsthaftes Lerninteresse erwarte und die Bereitschaft, ein tieferes Verständnis für ökologische Zusammenhänge zu entwickeln. Wozu auch gehöre, mindestens einen Teil der unterwegs gefundenen Arten dauerhaft abzuspeichern. „Am besten, Ihr macht Euch unterwegs Notizen“, empfahl er. Das hab ich getan. Hier sind ein paar Exkursions-Erkenntnisse, die ich besonders erhellend und überraschend fand.

  • Man muss kein Sammler sein, um sich für Pilze zu begeistern. Klar, eine Pilzpfanne aus frisch gepflückten Steinpilzen, Maronenröhrlingen oder Pfifferlingen ist ein Gedicht. Aber man kann Pilze auch nur durch reines Anschauen genießen. Diese Farben! Diese Formen! Diese extravaganten Details! Und diese unfassbare Artenfülle! Laut Jürgen Feder sind es um die 11 000 Spezies allein in Deutschland; die Datenbank der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (Pilzkunde) verzeichnet sogar 12 850 Einträge. Selbst wer ausschließlich nach Ständerpilzen Ausschau hält (also denen mit Hut und – meistens – Stiel) hat es mit rund 5700 Spezies zu tun. Daneben gibt es noch Schlauch-, Joch-, Schein-, Schleim- und Urpilze, die bei der Vierhöfener Exkursion jedoch nur am Rand erwähnt wurden. (Zum Glück – sonst wären wir jetzt noch im Wald.)
  • Beim Bestimmen von Pilzen kommen nicht nur Augen, sondern auch Nase und Finger zum Einsatz. „Los, anfassen! Direkt unter die Nase halten! Und keine Angst, Giftpilze sind nur gefährlich, wenn man sie schluckt.“ Wie fühlt sich der Hut an – trocken oder schleimig, mit fester oder abziehbarer Haut? Sind die Lamellen weich oder so spröde, dass sie brechen, wenn man nur mit der Fingerkuppe drüber streicht? Wie riecht das Gewächs: angenehm würzig, süßlich, marzipanmild, oder nach Fußschweiß, Fensterkitt, Schwefel, Nagellack, Raubtierkäfig, verbrannter Plastikfolie? Das sind nur eine Handvoll gängiger Pilz-Duftnoten; Profis unterscheiden Dutzende verschiedene. Die Aromen helfen, ungenießbare Pilze zu identifizieren – allerdings, Vorsicht: Auch giftige Pilze können angenehm riechen!
  • Mithilfe der Finger lässt sich, zum Beispiel, der leckere Perlpilz vom ähnlichen, aber stark giftigen Pantherpilz unterscheiden: Kann man die Schuppen auf dem Hut leicht verschieben und färbt das Fleisch sich beim Drücken oder Brechen rötlich, darf der Pilz in den Sammelkorb.
Mann mit blauer Jacke hält Pilz mit graubrauner Kappe hoch
Jürgen Feder erklärt die Merkmale des Perlpilzes

→  Alle, die Pilze sowieso lieber anschauen als aufessen, können sich damit begnügen, die Gattungen zu identifizieren – also die Gruppen, in denen mehrere eng verwandte Arten zusammengefasst sind. Schon das ist eine Herausforderung. Röhrlinge, Wulstlinge, Helmlinge, Schirmlinge, Rüblinge, Lacktrichterlinge, Gürtelfüße, Erdzungen... Das sind nur einige der Pilzgattungen, die wir im Vierhöfener Wald entdeckt haben, einige von Hunderten.

 

→  Zumindest eine davon werde ich, dank Jürgen Feder, auch in Zukunft auf Anhieb wiedererkennen: die Ritterlinge. 50 Arten gehören in Deutschland dazu, und alle haben auf der Unterseite, passend zu ihrem Namen, ein charakteristisches Merkmal: einen millimeterdünnen, aber deutlichen „Burggraben“ rund den Stiel, gebildet dadurch, dass die Lamellen am Ansatz etwas ausgebuchtet sind.

  • Wer Pilzfunde mit der Kamera dokumentieren will: „Vergesst nicht, immer auch die Unterseite der Schirme aufzunehmen!“ Nur mit der Hut-Ansicht von oben kann selbst ein Extrem-Botaniker Pilzarten nicht sicher bestimmen. Viele sehen einander so ähnlich, dass man zur genauen Abgrenzung nicht nur Nase und Finger, sondern auch Hilfsmittel braucht, etwa eine Lupe – „immer direkt unters Auge halten, sonst erkennt ihr nix!“ – und manchmal auch ein Mikroskop, etwa um Farbe und Form der Pilzsporen zu erkennen. Was die rein optische Bestimmung von Pilzen zusätzlich erschwert, ist ihre Wandelbarkeit: Junge Fruchtkörper sind oft völlig anders geformt und gefärbt als reife Exemplare.

Aus alldem ergibt sich eine dringende Warnung vor Foto-Apps zur Pilzbestimmung: KEINE hat sich bisher in Tests als verlässlich erwiesen. Falsche App-IDs haben sogar schon zu lebensgefährlichen Vergiftungen geführt.

  • Am Stiel lässt sich auch eine weitere Pilzgattung dingfest machen, die zu den größten überhaupt gehört. Rund 750 Arten von Täublingen gibt es; viele fallen durch ihre farbenfrohen Hüte auf, die alle Töne zwischen senfgelb, ampelrot und dunkellila aufweisen. Was alle Täublinge gemeinsam haben, ist die Mikrostruktur ihres Fleischs. Die testet man am besten am Stiel. Bei den meisten Pilzarten zerfasert er, wenn man ihn bricht; die Stiele der Täublinge dagegen fallen sauber auseinander „wie getrockneter Quark“ – O-Ton Jürgen Feder.

Treten aus dem Fleisch beim Zerbrechen kleine Tropfen aus, handelt es sich um Milchlinge, eine Gattung von Täublings-Verwandten mit 500 Arten. Eine davon ist der Reizker, ein Speisepilz, dessen wissenschaftliche Bezeichnung nicht zufällig Lactarius deliciosus lautet.

  • Auch unter den Täublingen gibt es etliche gute Speisepilze. Ihre wichtigste Funktion erfüllen sie jedoch nicht in der Küche, sondern im Wald – mit ihrem unterirdischen Faden-Geflecht, das um ein Vielfaches größer ist als die Fruchtkörper, die es zeitweise hervorbringt. Dieses Geflecht, Mykorrhiza genannt, verbindet sich mit den Wurzeln der Bäume und erschließt ihnen Bodenbereiche, in die diese nicht aus eigener Kraft vordringen können. Dadurch können Bäume mehr Wasser aufnehmen und auch Trockenphasen besser überstehen. Die Bäume "revanchieren" sich, indem sie die Pilze mit Zucker versorgen – eine klassische Symbiose, wie Biologen solche Partnerschaften nennen.  Ohne das „Wood Wide Web“ der Täublinge und zahlreicher anderer Mykorrhiza-bildender Arten könnte ein Wald gerade in Zeiten des Klimawandels nicht überleben!
  • Pilze ernähren Bäume aber nicht nur, sie entsorgen sie auch, indem sie absterbendes und totes Holz zersetzen. Und natürlich alles andere, was Bäume produzieren: Abgefallene Blätter, Nadeln und Zapfen. Jede Holzart hat ihre eigenen „Verwerter“: Der Rötliche Holzritterling etwa ist auf Nadelholz spezialisiert, der Winter-Stielporling zieht Totholz von Laubbäumen vor, das Gemeine Stummelfüßchen besiedelt am liebsten morsche Buchenäste. Manche Arten gedeihen ausschließlich auf herabgefallenen Zapfen, wie etwa der Ohrlöffel-Stachling, oder der Mäuseschwanz-Zapfenrübling.

 

Oh, diese Namen! Wichtige Regel für Pilzbestimmungs-Lehrlinge: Immer sofort mitschreiben, wenn der Exkursionsleiter einen Namen nennt, sonst hat man den an der nächsten Wegbiegung wieder vergessen. Ich habe den Verdacht, dass ausgerechnet die kleinsten Arten die ausladendsten Bezeichnungen haben, aber das ist eine noch unbewiesene Theorie.

Zwei grünbraune Pilzhüte, einer schon etwas angefressen
Grüner Knollenblätterpilz

→ Sicher belegt ist dagegen, dass der Klimawandel die heimische Pilzwelt schon jetzt verändert und es in Zukunft noch stärker tun wird. Die Dürresommer seit 2018 haben vielen Arten zugesetzt, auch sind mit dem großflächigen Absterben der Fichte etliche mit ihr verbundene Pilze aus den Wäldern verschwunden. Andere breiten sich dafür aus – vor allem Totholzpilze und wärmeliebende Arten wie der tödlich giftige Grüne Knollenblätterpilz.

 

Nicht nur seinetwegen müssen Sammler in Zukunft extra aufmerksam sein: Die Deutsche Mykologische Gesellschaft registriert auch immer mehr Zuwanderer aus südlichen Regionen, darunter einige giftige Arten, die schwer von heimischen zu unterscheiden sind.

Eine der spürbarsten Auswirkungen des Klimawandels ist die generelle Verlängerung der Pilzsaison: Jürgen Feder findet etliche Arten, die früher nur bis Ende September gediehen, mittlerweile noch im November vor – darunter auch begehrte Speisepilze wie Maronenröhrlinge und Austernseitlinge.

  • Wie sich steigende Temperaturen langfristig auf Pilze auswirken werden, kann zurzeit noch niemand sagen – das Reich der „Funga“ ist unfassbar groß und mehr noch als Fauna und Flora in weiten Teilen unerforscht, selbst bei uns in Mitteleuropa. Aber das könnte sich ändern.

 Neuere Studien zeigen, dass Pilze auf den Klimawandel nicht nur reagieren, sondern ihn auch bremsen könnten – weil ihre unterirdischen Wurzelnetze großflächige und in ihrer Effizienz bislang unterschätzte Kohlenstoffspeicher sind.

Ein Grund, Pilze noch viel aufmerksamer zu beobachten und konsequenter zu schützen, so wie es zuletzt 1300 Wissenschaftler aus 77 Ländern gefordert haben.

Es gibt aber noch einen zweiten Grund, der mir bei der Exkursion mit Jürgen Feder wieder so richtig bewusst geworden ist – wie schon bei früheren Pilzwanderungen mit dem Vierhöfener Botaniker Matthias Schuh, der bei Feder viele Jahre "in die Lehre gegangen" ist.

  • Auch unter Pilzen gibt es so etwas wie Orchideen: Gewächse, die ungewöhnlich schön, aber auch besonders selten sind. Zu diesen gehören die Saftlinge.  17 heimische Arten umfasst die Gattung, und alle gedeihen nur auf sehr nährstoffarmen Böden – solchen, wie man sie auch in der sandig-mageren Heide kaum noch findet, weil die Felder hier intensiv gedüngt werden und der überschüssige Stickstoff, der in die Luft entweicht, mit dem Regen auch über den Wäldern niedergeht.

 Im Vierhöfener Wald haben wir aber einige Saftlinge entdeckt. Sie erinnerten an kleine Laternen im Moosteppich, weil sie von Kopf bis zum Stielfuß orange und zinnoberrot leuchteten – ein zauberhafter Anblick. Und ich musste dabei wieder an eine Erkenntnis denken, die in Umweltdiskussionen so oft unter den Tisch fällt: dass biologische Vielfalt nicht nur deshalb Schutz verdient, weil sie uns Menschen lebenswichtige Ökosystemleistungen bietet, wie Kohlenstoffspeicherung, Waldschutz oder Pilzragouts. Sondern auch, weil ihre Schönheit immer wieder glücklich macht.

 

Text und Fotos (falls nicht anders vermerkt): Johanna Romberg,

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Kommentare: 5
  • #1

    Peter Mohr (Freitag, 01 November 2024 14:59)

    Sehr inspirierend!! Das war doch aber keine Veranstaltung vom Nabu oder? Würde mich auch sehr interessieren. Hast Du Kontaktdaten?

  • #2

    Johanna (Freitag, 01 November 2024 23:17)

    Hallo Peter, danke! Und nein, das war kein NABU-Termin, sondern eine Exkursion, zu der der „Freundeskreis Vierhöfen“ eingeladen hatte. Das sind die gleichen Leute, die auch die Initiative zum Wiederaufbau der alten Dorfscheune gegründet haben. Der Gartenexperte Matthias Schuh, der auch am Kiekeberg arbeitet, macht für die öfter auch botanische Exkursionen, die super sind.

  • #3

    Jürgen Feder (Dienstag, 05 November 2024 21:11)

    Ganz toller, flotter, sehr ausführlicher Geländebericht - ja, so war es wirklich. Es gab wirklich so viele Pilze, zu jeder Art hätte man noch viel mehr erzählen können. Leider fehlt dazu die Zeit, aber auch die Dunkelheit setzt mir - vielleicht ja zum Glück, im Herbst die Grenzen! �

  • #4

    Jürgen Feder (Dienstag, 05 November 2024 21:20)

    Noch eine Ergänzung - sehr schön der allerletzte Satz - in der Natur geht es vor allem auch um Schönheit!! Und diese ist nie künstlich, irgendwie hergestellt oder gar bestellt - nein, sie kommt überall zum Ausbruch und immer ganz spontan und für alle erlebbar! :)

  • #5

    Johanna (Donnerstag, 14 November 2024 16:47)

    @Jürgen Feder: � �, und danke fürs Feedback!